
Österreich tut sich weiterhin schwer mit der systematischen Betreuung von Menschen, die unter anhaltenden Folgen einer Corona-Infektion leiden. Eine neue Umfrage Wiener Fachleute unter mehr als 300 Post-Covid-Betroffenen zeigt deutliche Lücken im Versorgungssystem, obwohl die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bereits vor zwei Jahren den globalen Gesundheitsnotstand aufgehoben hat. Die Ergebnisse, veröffentlicht in der Wiener Medizinischen Wochenschrift, zeichnen ein konsistentes Bild: Viele Patientinnen und Patienten empfinden die medizinische Unterstützung als unzureichend und zu wenig strukturiert.
Die Studie unter Leitung von Karen Laureen Pesta von der Universitätsklinik für Physikalische Medizin, Rehabilitation und Arbeitsmedizin – mit Klinikleiter Richard Crevenna unter den Co-Autoren – stützt sich auf eine digitale Befragung, die zwischen August und September 2024 durchgeführt wurde. Von 419 verschickten Fragebögen konnten 312 ausgewertet werden. Teilnahmebedingung war, dass die Befragten mindestens 16 Jahre alt sind, eine bestätigte Covid-19-Infektion hinter sich haben und über mindestens drei Monate hinweg anhaltende Symptome aufweisen. Knapp 84 Prozent der Befragten waren Frauen, das Durchschnittsalter lag bei 43 Jahren.
Vor dem Hintergrund der österreichischen Infektionszahlen unterstreichen die Autoren die Dimension des Problems: Nach Schätzung der Wiener Wissenschafter entwickeln rund sechs Prozent der Infizierten länger anhaltende Beschwerden, die als Post-Covid-19-Syndrom oder Long Covid klassifiziert werden. Bei rund sechs Millionen bestätigten Infektionen im Land entspricht dies weit mehr als 100.000 Betroffenen, die potenziell auf eine langfristige, koordinierte Versorgung angewiesen sind. Laut WHO hätte nach der akuten Pandemie-Phase eine effektive Langzeitbetreuung für diese Gruppe etabliert werden sollen.
Nach Einschätzung der Studienteilnehmer bleibt dieses Ziel bislang unerreicht. In der zusammenfassenden Bewertung der Forscher heißt es, Patienten mit Post-Covid-Symptomen stuften die medizinische Versorgung in Österreich als unzureichend ein. Vor diesem Hintergrund bewerten die Autoren die geplante Einrichtung spezialisierter Zentren als medizinisch und wirtschaftlich sinnvoll. Sie argumentieren, dass eine strukturierte, multidisziplinäre Betreuung nicht nur die Versorgungslage für Betroffene verbessern, sondern auch Folgekosten für das Gesundheitssystem begrenzen könnte. Konkrete Umsetzungspläne bleiben Aufgabe der Gesundheitspolitik – der Handlungsdruck ist nach den nun vorliegenden Daten jedoch klar benannt.

Ein umfangreicher Auswertungsbericht der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft (WKStA) zu digitalen Daten des verstorbenen Justiz-Spitzenbeamten Christian Pilnacek sorgt für neuen politischen und justizinternen Sprengstoff. Chatprotokolle, E-Mails und weitere Unterlagen zeichnen ein Bild tiefgreifender Konflikte innerhalb der Justiz – insbesondere zwischen der WKStA und Teilen der vorgesetzten Behörden. Parallel dazu bereitet ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss die Befragung von Schlüsselpersonen vor, um mögliche politische Einflussnahmen auf Ermittlungen rund um Pilnacek und dessen Tod zu beleuchten.
Aus der von der WKStA erstellten Expertise zu Pilnaceks Kommunikationsdaten geht hervor, wie der langjährige Leiter der für Strafrecht zuständigen Sektion im Justizministerium über Jahre hinweg gegenüber der WKStA Stellung bezog. Der Bericht zeigt, dass der damalige Wiener Oberstaatsanwaltschef Johann Fuchs im Juni 2019 in einer internen Nachricht erklärte, er sehe es als Aufgabe seiner Amtszeit, eine von der WKStA angeblich offengelegte „Verkommenheit“ im Berufsstand „mit allen Mitteln zu bekämpfen“. Er bezeichnete Pilnacek darin ausdrücklich als Mitstreiter. In dem Gutachten findet sich zudem Material, aus dem hervorgehen soll, wie die Korruptionsstaatsanwaltschaft aufgelöst und neu aufgesetzt werden könnte.
Die Auswertung des Laptops und mehrerer Speichermedien Pilnaceks, die in einem rund 440 Seiten starken Bericht zusammengefasst wurde, behandelt auch seine Kontakte in das Umfeld der ÖVP. Der frühere Sektionschef war von 2010 bis 2020 über alle wesentlichen Strafsachen der Republik informiert und konnte als weisungsbefugter Beamter Ermittlungsschritte mitsteuern oder Berichte anfordern. Laut dem Bericht kooperierte er in dieser Zeit eng mit ÖVP-nahen Personen und wirkte an der Verteidigung von Beschuldigten mit. Nach Bekanntwerden einer Audioaufnahme aus dem Sommer 2023, in der Pilnacek Interventionen von ÖVP-Seite beklagte, leitete die WKStA ein Ermittlungsverfahren gegen unbekannte Täter ein; dieser Interventionsakt ist nun ebenfalls Gegenstand des U-Ausschusses.
Der Untersuchungsausschuss, der sich mit den Umständen von Pilnaceks Tod und dem Umgang der Behörden befasst, bekommt das WKStA-Dokument zeitlich passend zur nächsten Befragungsrunde vorgelegt. Zunächst soll ein IT-Experte der WKStA, der für das Auslesen von Datenträgern zuständig ist, Auskunft geben. In den darauffolgenden Tagen werden Exekutivbeamte befragt, darunter der Leiter des Bundeskriminalamts sowie zwei Polizeibeamte aus Niederösterreich, die unter anderem mit Pilnaceks Geisterfahrt Stunden vor dem Fund seiner Leiche in einem Donau-Seitenarm befasst waren. Politisch besonders im Fokus steht der Auftritt von Innenminister Gerhard Karner und dessen Kabinettschefin, nachdem eine vom Ressort in Auftrag gegebene Schulungsunterlage für geladene Auskunftspersonen parteiübergreifend – mit Ausnahme der ÖVP – auf Kritik gestoßen war.
Die Kombination aus internen Justizchats, detaillierter Datenauswertung und politischer Aufarbeitung im Parlament verschärft die Debatte über das Verhältnis zwischen Ministerien, Staatsanwaltschaften und Parteien. Während die WKStA ihre Auswertungsergebnisse in den U-Ausschuss einbringt, suchen Abgeordnete nach Antworten auf die Frage, ob und in welchem Ausmaß versucht wurde, auf Ermittlungen Einfluss zu nehmen – sowohl in prominenten Wirtschafts- und Korruptionsfällen als auch im Zusammenhang mit den Untersuchungen nach dem Tod eines der einflussreichsten Justizbeamten der vergangenen Jahre.